
Du stehst im Baumarkt oder scrollst dich durch Datenblätter und bleibst an einer Zahl hängen: Schnitttiefe. 43 mm, 65 mm, 85 mm, manchmal sogar über 100 mm. Klingt erstmal wie ein klarer Vergleich. In der Praxis entscheidet die Schnitttiefe aber nur dann richtig, wenn du sie an deine typischen Werkstücke koppelt – und an das, was Tischkreissägen wirklich gut können: präzise, wiederholgenaue Schnitte, nicht „irgendwie durch“.
Tischkreissäge Schnitttiefe – wie viel brauche ich wirklich?
Die kurze, ehrliche Antwort lautet: Es hängt von deinem Materialmix ab. Die bessere Antwort ist: Du kannst es ziemlich sauber herleiten, wenn du drei Dinge kennst – typische Plattenstärken, typische Kanthölzer und ob du häufig Gehrungen sägst.
Bei Tischkreissägen wird die Schnitttiefe meistens als maximale Schnitthöhe bei 90 Grad angegeben, manchmal zusätzlich bei 45 Grad. Und genau da passieren viele Fehlkäufe: Man kauft nach der 90-Grad-Zahl, braucht aber in der Werkstatt ständig 45-Grad-Gehrungen an 40 mm Material – und wundert sich, warum es knapp wird.
Als Faustregel für Heimwerker-Projekte in Haus und Werkstatt funktioniert das hier gut: Wenn du überwiegend Plattenware schneidest, ist die Schnitttiefe weniger kritisch als die Schnittqualität und die Führung. Wenn du öfter Konstruktionsholz, Bohlen oder dicke Leimholzplatten trennst, wird Schnitttiefe plötzlich zum echten Limit.
Was die Schnitttiefe in der Praxis begrenzt
Die Zahl im Datenblatt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis aus Sägeblattdurchmesser, Bauhöhe der Mechanik und wie tief sich das Blatt über den Tisch heben lässt. Größere Blätter bringen grundsätzlich mehr Schnitthöhe – aber auch höhere Anforderungen an Motorleistung, Stabilität und oft an die Absaugung, weil mehr Material pro Zeit abgetragen wird.
Wichtig ist auch: Schnitttiefe ist nicht gleich Schnittreserve. Ein Schnitt „gerade so“ durch 60 mm Holz ist möglich, aber nicht automatisch sauber. Je näher du an die Maximalhöhe kommst, desto mehr zählen scharfes Blatt, passende Zahngeometrie und ein Motor, der nicht einbricht.
Und dann kommt noch die Gehrung: Bei 45 Grad sinkt die nutzbare Schnitthöhe teils deutlich, weil das Blatt schräg durch das Material läuft. Wenn du also häufig Rahmen, Gehrungen an Leisten oder Möbelkorpusse sägst, musst du diese zweite Zahl ernst nehmen.
Typische Materialien – und welche Schnitttiefe dafür Sinn ergibt
Viele Heimwerker kaufen eine Tischkreissäge für „Holz allgemein“. In der Realität sind es aber immer wieder dieselben Stärken.
Plattenware: OSB, MDF, Multiplex
OSB liegt häufig bei 12, 15, 18 oder 22 mm. MDF ähnlich, Multiplex oft 12 bis 21 mm, Küchenarbeitsplatten eher 38 bis 40 mm. Für diese Welt reicht eine Schnitttiefe um 55 bis 65 mm an der Tischkreissäge in den meisten Fällen locker, weil du selten über 40 mm Materialstärke hinauskommst.
Wenn du aber regelmäßig Arbeitsplatten oder starke Leimholzplatten trennst, ist es angenehm, nicht am Limit zu sägen. Dann sind 70 bis 85 mm bei 90 Grad spürbar entspannter – weniger Druck, weniger Brandspuren, weniger „Zwingen und hoffen“.
Kanthölzer: 60 x 80, 80 x 80, 100 x 100
Bei Kantholz wird die Schnitttiefe schnell zur Schlüsselfrage. Ein 80 x 80 mm Pfosten lässt sich mit 65 mm Schnitttiefe nicht in einem Zug trennen. Du könntest wenden und von der zweiten Seite schneiden, aber das ist bei Tischkreissägen nicht die Stärke: Du verlierst Genauigkeit und erhöhst das Risiko für Versatz oder Klemmen.
Wenn du also Carport, Pergola, Zaun oder ein stabiles Untergestell aus 80er oder 100er Querschnitten planst, bist du mit 85 mm und mehr deutlich besser aufgestellt. Für 100 x 100 mm ist selbst das oft zu wenig – das ist dann der Punkt, an dem eine Kappsäge mit großem Blatt oder eine Handkreissäge mit Führungsschiene häufig die bessere Ergänzung ist.
Leisten, Laminat, Parkett, Sockel
Hier ist Schnitttiefe fast nebensächlich. 40 bis 55 mm reichen, wichtiger sind ein guter Parallelanschlag und ein Blatt, das ausrissarm schneidet. Gerade bei beschichteten Materialien entscheidet die Zahnzahl und die Blattqualität mehr als 10 mm zusätzliche Schnitttiefe.
Die 45-Grad-Falle: Warum Gehrung Schnitttiefe „frisst“
Wenn du Bilderrahmen, Kisten, Schubladenfronten oder Gehrungen an Leimholz machst, stell dir immer die Frage: Welche Materialstärke säge ich bei 45 Grad? Eine Säge kann 85 mm bei 90 Grad schaffen, aber bei 45 Grad vielleicht nur noch um die 60 mm. Das reicht für 40 mm Leimholz noch gut, wird aber bei dickeren Bohlen schnell eng.
Praktisch bedeutet das: Wenn Gehrung bei dir Standard ist, plane die Schnitttiefe mit Luft. Eine Säge, die bei 90 Grad „gerade so“ passt, ist bei 45 Grad oft nicht mehr das richtige Werkzeug.
Mehr Schnitttiefe ist nicht immer besser
Es klingt verlockend, einfach das Maximum zu kaufen. In der Werkstatt zahlt man dafür aber häufig an anderer Stelle.
Eine Tischkreissäge mit größerem Blatt und mehr Schnitttiefe ist oft schwerer und braucht mehr Platz. Das kann super sein, wenn sie stationär steht. Wenn du sie aber regelmäßig wegstellst oder zur Baustelle mitnimmst, zählt Handling.
Außerdem wächst mit der Schnitttiefe meist der Anspruch an den Motor. Eine hohe Schnitttiefe mit schwachem Antrieb bringt dir wenig, weil der Schnitt dann nur mit langsamem Vorschub und hoher Ausrissgefahr funktioniert. Für saubere Schnitte in dickem Holz brauchst du nicht nur „Höhe“, sondern auch Drehmoment und ein Blatt, das zum Material passt.
Die Zahl im Datenblatt richtig lesen
Hersteller nennen oft die maximale Schnitthöhe bei 90 Grad, gemessen unter Idealbedingungen. In der Praxis solltest du dir gedanklich eine Reserve geben – vor allem, wenn du trockenes Hartholz oder dicke Platten mit hoher Dichte sägst.
Achte auch darauf, ob die Angabe sich auf den Abstand Tischplatte bis Blattspitze bezieht. Das ist üblich, aber bei manchen kompakten Bauformen sind Schutzhaube und Spaltkeil so konstruiert, dass du in bestimmten Einstellungen nicht „voll“ ausfahren willst, weil Absaugung oder Schutz nicht optimal sitzen.
Wenn du Zahlen vergleichen willst, nimm immer dieselbe Bezugsgröße: Schnitthöhe 90 Grad und zusätzlich Schnitthöhe 45 Grad. Und dann überleg dir: Welche davon ist für deine Projekte die echte Engstelle?
Welche Schnitttiefe passt zu welchem Heimwerker-Typ?
Wenn du häufig Möbel aus Platten baust, Zuschnitte aus Multiplex machst und gelegentlich Leimholz trennst, liegst du mit 55 bis 65 mm bei 90 Grad meistens richtig. Das ist die typische „Werkstatt-Allround“-Klasse, in der du eher auf Anschlagqualität, Tischgröße und Wiederholgenauigkeit schauen solltest.
Wenn du merkst, dass bei dir regelmäßig 50 mm und mehr auf dem Tisch landen – Arbeitsplatten, dicke Leimholzplatten, starke Rahmenhölzer – dann wird 70 bis 85 mm interessant. Diese Reserve sorgt dafür, dass du nicht an der Grenze arbeitest.
Und wenn du im Garten- und Außenbereich wirklich konstruktiv unterwegs bist, also Pfosten, starke Bohlen, große Querschnitte, dann ist die Tischkreissäge mit sehr großer Schnitttiefe zwar möglich, aber nicht automatisch die cleverste Lösung. Dann lohnt der Blick auf das Zusammenspiel aus Werkzeugen: Tischkreissäge für präzise Serienzuschnitte, Kapp- und Gehrungssäge oder Handkreissäge für die dicken Trennschnitte.
Schnitttiefe ist nur die halbe Kaufentscheidung
Zwei Sägen können beide 65 mm schaffen und trotzdem komplett unterschiedlich arbeiten. Der Grund: Schnittsystem und Steifigkeit.
Ein Parallelanschlag, der sauber klemmt und sich nicht verzieht, bringt dir oft mehr Präzision als 10 mm zusätzliche Schnitttiefe. Ein ausreichend großer Tisch und stabile Tischverbreiterungen verhindern, dass Platten kippen und der Schnitt „wandert“. Und ein gutes Sägeblatt macht bei gleicher Schnitttiefe den Unterschied zwischen sauberen Kanten und Ausriss.
Wenn du dich tiefer in die Kennzahlen und Praxistests einlesen willst: Auf basteln-bauen.de findest du genau diese Einordnung – was Datenblattwerte in der Werkstatt wirklich bedeuten und wo die Grenzen verschiedener Geräteklassen liegen.
Drei typische Fehlkäufe – und wie du sie vermeidest
Der Klassiker ist die „Zahl-First“-Entscheidung: höchste Schnitttiefe im Budget, aber wackliger Anschlag. Das rächt sich bei jedem Längsschnitt.
Der zweite Fehler ist die Unterschätzung von 45 Grad. Wer Gehrungen plant, kauft nach 90 Grad und steht später mit zu wenig Reserve da.
Der dritte Fehler ist, Schnitttiefe als Ersatz für das richtige Werkzeug zu sehen. Eine Tischkreissäge kann viel, aber dicke Pfosten und Baustellenholz sind manchmal einfach ein Job für eine andere Sägeklasse. Wenn du das vorher ehrlich trennst, kaufst du zielgerichteter.
Eine einfache Entscheidungshilfe aus der Werkstatt
Frag dich nicht „Wie viel Schnitttiefe ist gut?“, sondern: Was ist das dickste Material, das ich wirklich oft säge – und muss das bei 45 Grad auch noch funktionieren? Schreib dir diese eine Materialstärke auf und gib 10 bis 20 mm Reserve dazu. Damit landest du in einer Schnitttiefenklasse, die nicht nur passt, sondern auch entspannt arbeitet.
Der beste Moment, das zu klären, ist vor dem Kauf – der zweitbeste ist jetzt, bevor du das nächste Projekt mit halben Workarounds durchziehst. Such dir eine Säge, die zu deinem Material passt, und gönn dir dann die Ruhe, sauber zu arbeiten. Das fühlt sich in der Werkstatt jeden Tag besser an als eine Zahl, die nur auf dem Karton beeindruckt.

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